Gründungskongreß Netzwerk jüdischer Frauen 2002

gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

 

Mit über 70 Teilnehmerinnen und Gästen fand der Gründungskongreß am Sonntag, dem 13. Oktober, im Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Fasanenstraße, statt.

Am Beginn der Veranstaltung standen die Grußworte der Hausherrin Cynthia Kain (stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin) und der Veranstalterin Gabriele Noa Lerner. Das Grußwort des Ministeriums, das die Veranstaltung großzügig gefördert hatte, musste wegen Erkrankung der Abteilungsleiterin Brigitte Unger-Soyka leider ausfallen.

Den Auftakt der Vorträge, die von Dr. Annette Böckler, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Abraham Geiger Kolleg, geleitet wurden, bildete der Beitrag von Charlotte Knobloch, stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Frau Knobloch wies in erster Linie auf die ethische Grunddimension des Netzwerkgedankens hin und warnte davor, einer Spaltung zwischen religiösen und säkularen Jüdinnen Vorschub zu leisten. Gleichzeitig betonte sie aber auch die grundsätzliche Notwendigkeit des Networking, um Vereinzelung, fehlendes Lobbying etc. zu vermeiden. Als unabdingbare Voraussetzung nannte sie Toleranz und gegenseitige Akzeptanz von Frauen aus den unterschiedlichen jüdischen Kontexten.

Der folgende Vortrag der Pariser Historikerin Dr. Diana Pinto trug den Titel: "Anti-Semitic Europe? The New Challenges facing Jews on the Continent Today." Eine ihrer zentralen Thesen betonte: Einerseits haben die europäischen Juden durch den neu erstarkten Antisemitismus seit Beginn der zweiten Intifada ein berechtigt ambivalentes Verhältnis zu den Ländern, in denen sie leben. Andererseits schürt die Tatsache, daß sich viele Juden nicht als Staatsbürger ihrer Länder fühlen und sich erst recht nicht als diese in der Öffentlichkeit deklarieren, das Misstrauen der nichtjüdischen Bevölkerung und nährt damit den antisemitischen Boden. Wir sollten uns daher eindeutig und öffentlich als Staatsbürger der Länder, in denen wir leben, ausweisen.

Liora Eger, Pädagogin aus Wien, beleuchtete in ihrem Vortrag die Frage: "Was haben Juden und Frauen gemeinsam?" Unterdrückung und Stereotypisierung, so ihr Ansatz, sind Phänomene, denen beide Gruppen in besonderer Weise ausgesetzt waren und sind. Bei allen Unternehmungen gegen diese Zuschreibungen ist dabei die partielle Identifizierung mit den gegen sie gerichteten Vorurteilen zu bedenken, ihre weitgehende Abhängigkeit von Machthabern der privaten oder öffentlichen Sphäre.

Eine 1,5stündige Mittagspause bei koscherem Essen im Restaurant Arche Noah brachte das Publikum zusammen und sorgte für zahlreiche erste Kontakte.

Im Anschluss nutzen acht Frauen die Gelegenheit, durch Kurzvorträge und Infomaterial verschiedene Projekte, Unternehmen und Organisationen vorzustellen: Unter anderem informierte Maguerite Marcus über die "Stiftung Zurückgeben", deren Ziel die Förderung jüdischer Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen ist. Diana Leibovich stellte ihre neu gegründete Marketing Agentur "Mobile Promotions" vor, Lilian Tichauer präsentierte die Arbeit der Wizo, der Women's International Zionist Organization.Von Yael Schlesinger und Jana Vilensky erfuhren die Teilnehmerinnen mehr über den Jüdischen Studentenbund. Dr. Ulrike Kissmann stellte ihr gerade erschienenes Buch vor: "Kernenergie und deutsche Biographien."

Die Kurzvorträge gaben einen Überblick über die Vielfältigkeit der Arbeitsbereiche; die Teilnehmerinnen verschiedenster Herkunft engagieren sich in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, sowohl in religiösen als auch in säkularen Kontexten. Die Wirtschaft war ebenso vertreten wie Kunst und Wissenschaft, Medien und Organisationen. Der Kongreß zeigte, eine wie große Bandbreite interdisziplinärer und branchenübergreifender Kontakte das Netzwerk ermöglichen wird. Parallel zu den Informationsveranstaltungen fand ein von Dr. Berta Pixner geleiteter Workshop zur Zukunft des Netzwerks statt, in dem unter reger Beteiligung der Teilnehmerinnen verschiedene Beiträge zu Organisation und Tätigkeitsfeldern diskutiert wurden. Themen wie "Politik und Öffentlichkeit", "Mentoring", "Selbstverständnis des Netzwerks" und "berufliche Förderung, Nachwuchs" wurden dabei genauso angesprochen wie der Bedarf an konkreten Arbeitskreisen. Die vorgeschlagenen Arbeitsgruppen verteilen sich auf die Bereiche: PR, Expertinnendatenbank, Gemeindepolitik, Migrantinnen, Universität, Beruf und Familie. Aber auch eine erste "Regionalgruppe Süd" fand sich bereits zusammen.

Nach einer kurzen Kaffeepause hielt Dr. Mina Westman, Wirtschaftswissenschaftlerin aus Tel Aviv, und selber erfolgreiche Gründerin eines Frauennetzwerkes, einen Vortrag über "Businesswomen and the Importance of Networking". Sie legte dar, mit welchen Hindernissen Frauen in der Wirtschaft konfrontiert sind: dazu zählen Informationsdefizite und Finanzierungsprobleme ebenso wie die spezifischen Probleme, die sich Frauen und Müttern stellen, aber auch psychologische Faktoren wie ein zu niedriges Selbstbewußtsein vieler Frauen oder eine mangelnde Risikobereitschaft. Für viele dieser Probleme stelle Netzwerken eine gute Lösung dar, weil mit ihrer Hilfe die fehlende Infrastruktur ersetzt werden könne. Die gegenseitige Verbundenheit biete emotionale Unterstützung, liefere Bekräftigung zugunsten eines höheren Selbstbewußtseins, fülle Informationslücken und schaffe Abhilfe gegen institutionelle und strukturelle Benachteiligungen.

Unter der Moderation von Elisa Klapheck, Chefredakteurin der Zeitschrift "jüdisches berlin", gab es anschließend eine Podiumsdiskussion mit Teilnehmerinnen aus den verschiedensten Bereichen, Cynthia Kain, Stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Deidre Berger, Direktorin des American Jewish Committee, Ester Bruzkus, Architektin und Dr. Sharon Ufberg, Leiterin Projekt Kesher. Dieses Gespräch über konkrete Fragen und Bedürfnisse leitete über zu der Abschlussdiskussion über die Perspektiven des Netzwerkes, die wiederum von Dr. Berta Pixner geleitet wurde.

Der Kongreß war mit über 70 Beteiligten sehr erfolgreich. Es wurde deutlich, dass die Idee eines Netzwerkes Jüdischer Frauen auf eine große Resonanz und ein bestehendes Bedürfnis stieß. Die Bereitschaft, sich über den Kongreß hinaus zu engagieren, war dementsprechend groß. Die Veranstalterinnen haben von den Teilnehmerinnen viel positives Feedback erhalten, sowohl wegen der hohen Qualität der Vorträge, als auch wegen der Möglichkeit, sich aktiv zu beteiligen - sei es durch Diskussionsrunden, sei es durch die Selbstpräsentationen und den Workshop. Dadurch konnten auch die verschiedenen Erwartungen formuliert werden, die es in dem künftigen Netzwerk zu erfüllen gilt. Durch die große Vielseitigkeit der vertretenen Berufe und / oder anderweitigen Engagements wird das Netzwerk Gracia Nasi eine wichtige Bereicherung und gegenseitige Unterstützung bieten können und es wird ein Forum sein, Meinungen und Stimme jüdischer Frauen in der Öffentlichkeit hörbar zu machen.